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Offline-Gedanken

Posted by on 24. Dezember 2016 with 3 Comments

Heute vor zwei Wochen habe ich meinen Facebook-Account deaktiviert, und der Effekt auf mein Leben ist enorm. In der facebooklosen Zeit seither hab ich mir einige Gedanken gemacht, die ich nun hier versucht habe in eine Form zu bringen (ohne Facebook hat man plötzlich so unglaublich viel ZEIT für alles!). Habe mich jetzt mal wieder kurz eingeloggt, um den Text hier zu verlinken, auch um die Wortspiele zu posten, die mir in den letzten zwei Wochen eingefallen sind 🙂 Mein Plan ist vorerst, gelegentlich maximal ein bis zwei Tage auf FB zu bleiben und mich dann wieder für ein paar Wochen zu verabschieden. Ob ich mich zukünftig vielleicht ganz abmelde und mein Profil lösche, muss ich noch herausfinden.

Weil ein paar Nachfragen kamen – mir geht es gut, almost blendend! Fühle mich viel freier, weniger getrieben, insgesamt ruhiger ohne Facebook, ohne die Sucht, dauernd nachschauen zu müssen.. Facebook verschluckt und frisst einen irgendwie a bissl auf. Ich wollte meinen Kopf mal wieder freier kriegen – die Idee zum Ausstieg kam mir sicher nicht zufällig während ein paar kurzen Urlaubstagen, an denen das innere System mal ein bisschen abschalten konnte.

Erstes Gefühl nach dem Abmelden – voller Befreiungsschlag, langsam kehrt wieder mehr Ruhe im Kopf ein, weg von der ständigen Aufgeputschtheit. Wir wissen alle, wie unglaublich verlockend Facebook sein kann, eine geniale Ablenkung – gleichzeitig natürlich ein kolossaler Zeitfresser, und nicht selten einfach auch pure Zeitverschwendung. Ich persönlich kann oft am besten mit ganz-oder-gar-nicht-Lösungen, kann z.B. nur entweder wie früher 40 Zigaretten (und mehr) am Tag rauchen, oder gar nicht, und mit Facebook verhält es sich ähnlich. Am kommenden 10. Jänner bin ich 10 Jahre Nichtraucher, vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, um eine weitere – zumindest potenzielle – Sucht hinter mir zu lassen. (Vielleicht fange ich ja mit 80 wieder zu rauchen an und lass mir`s dann so richtig schmecken 😉

Die erste kleine Überraschung gab es gleich beim Vorgang des Facebook-Deaktivierens. Zuerstmal muss man natürlich lang suchen bzw. googeln, wie man sich überhaupt abmelden kann. Einmal zur Abmeldeseite gelangt, sieht man dort als erstes große Profilbilder von Facebookfreunden, und unter jedem davon liest man „XY WIRD DICH VERMISSEN!“ So weit, so fies. Dann aber wirklich bemerkenswert: beim eigentlichen Abmeldevorgang muss man ZWINGEND einen Grund angeben, WARUM man sich abmelden möchte. Einfach nur abmelden wollen reicht nicht. (Kommt in gar nicht so ferner Zukunft eine Zeit, in der man sich von solchen Netzwerken gar nicht mehr abmelden darf oder kann? Schriftliches Ansuchen notwendig? Anwesenheitspflicht?) Ich wählte dann gleich den ersten dort möglichen Grund, nämlich dass ich mich temporär von FB abmelden möchte. Nächste kleine Überraschung – ein Drop-Down-Menü öffnet sich und schlägt „Reaktivierung des Accounts in … Tagen“ vor, man kann sich mit Ankreuzen dieses Punktes also maximal für bis zu 7 Tage abmelden, länger nicht. Ich wählte dann Möglichkeit Nr. 2, „Ich verbringe zu viel Zeit auf Facebook“, mit der einem dann gnädigerweise die Entscheidung zugestanden wird, wann und ob man wieder auf FB aktiv wird. Oida.

Ich habe generell in den letzten Monaten sehr aufgeräumt und entschlackt bei mir. Im Sommer habe ich beschlossen, keine Nachrichten mehr zu konsumieren, diese Mediendiät ziehe ich seither durch, auch das mit großem und sehr positivem inneren Effekt. Einige Wochen später beschloss ich, mein E-Mail-Verhalten drastisch zu ändern; ich hatte schon viele Jahre lang das Gefühl, hauptberuflich nicht mehr Musiker oder Komponist, sondern E-Mail-Schreiber zu sein. Die neue Regel bei mir ist, dass ich einmal pro Woche mein Mailprogramm öffne und E-Mails bearbeite, den Rest der Woche bleibt das Mail geschlossen. Auch das war und ist enorm heilsam für mich! Die Dauerkommunikation war seit Jahren ein Problem für mich; ich hatte z.B. nach Ansicht aller neu eingegangenen Mails keine richtige Ruhe, bevor diese nicht alle beantwortet waren. Zeitaufwand logischerweise gewaltig.. (Ausserdem ist E-Mail ist auch ein ganz schlechter „Löser“ von Problemen, meistens erschafft man durch Mails Probleme überhaupt erst.) Facebook war bei mir aber trotzdem der noch grössere zeitliche Brocken.

Mir ist auch aufgefallen, dass ich in den letzten Jahren zum Beispiel kompositorisch-musikalisch etwas weniger produktiv war, in dem Ausmaß, in dem ich produktiver auf Facebook wurde.. Mir persönlich fällt eine maßvolle Nutzung einfach schwer, und ich hatte auch immer weniger Zeit, in Ruhe neue Musik zu entwickeln. Neuerdings hab ich auch musikalisch wieder mehr gemacht, und ich glaube, die Zufriedenheit und Erfüllung dadurch ist einfach viel grösser und tiefer und dauerhafter. Das dauernd-auf-Facebook-picken („ich schau eh nur mal kurz rein“..) ist für wirkliche kreative Arbeit meistens pures Gift.

Und da ich nun schon mal dabei war, hab ich gleich noch ein bissl weiter aufgeräumt und kürzlich auch meinen Fernseher abgemeldet. (Plus nebenbei auch mein Kundenkonto bei Amazon gerade gelöscht – gehört nicht wirklich zur Mediendiät, aber ich will auch diesen Verbrecherverein Amazon nicht länger unterstützen.)

Der Austausch, der auf FB stattfindet, kann grossartig sein, man kann sich zivilgesellschaftlich organisieren und viele tolle Dinge tun, sich manchmal auch sehr inspirieren lassen, und nicht zuletzt auch Menschen helfen. Aber ich persönlich schaffe es nicht, „nur ein bissl“ raufzuschauen, Facebook ist wie ein Sog, der alles mit sich reisst, alles beherrscht.. und Menschen ein bissl in eine ständige Art Stresszustand versetzt – immer alles Neueste wissen und checken und lesen müssen, sich selber in möglichst gutem Licht darstellen müssen.. Ich kann nur für mich sprechen, anderen fällt es vielleicht leichter, nur gelegentlich oder alle paar Tage zu facebooken. Mir leider nicht. Ich las auch schon vor längerem mal von einer Studie, deren Ergebnis klar aussagte, dass Facebook vieles macht, nur nicht glücklich – und ich denke, das ahnen oder wissen wahrscheinlich auch die meisten von uns. Natürlich ist das alles zweischneidig – man kann auch wunderschöne, inspirierende Dinge auf FB lesen, von wichtigen oder interessanten Events oder von wunderbarer Kunst erfahren, und manchmal sogar tolle Menschen kennenlernen. FB kann genial sein, if you know how to handle it – I don`t. Die Macht, die wir FB über uns einräumen, ist bemerkenswert, das ist hoffentlich jedem klar.

Interessanterweise hatte ich bei meinen Postings in letzter Zeit – ich weiss nicht genau warum – vermehrt immer wieder mal auch zynische, süffisante Kommentare von sogenannten Facebook-„Freunden“ (fast nur solchen, mit denen ich im sogenannten echten Leben kaum oder nichts zu tun habe), die sich irgendwie wichtigmachen oder versuchen, auf Facebook persönliche Schwierigkeiten auszuleben oder zu kompensieren. Bei mir war das zwar nicht schlimm, und der grösste Teil meiner persönlichen Facebook-Erfahrungen ist sehr positiv; trotzdem will ich mich nicht dem Zynismus von „Freunden“ aussetzen, denen langweilig ist. Ich bin versucht zu sagen, nicht selten verwandelt FB nette Menschen in Bestien.., brings out the worst in some people, das Level an Aggression, Hass, dreckverbreitenden Fakeprofilen u.v.m. ist aberwitzig und erschreckend. Auch das für mich ein Grund, die Flucht ergreifen zu wollen. Leuten, die „soziale Netzwerke“ so verantwortungslos missbrauchen und misshandeln, müsste die Nutzung verboten und verunmöglicht werden.

Es gibt im Leben so viele tolle Dinge zu tun, zu erleben, zu lernen, neues zu entdecken.. und ich möchte nicht irgendwann mal sagen müssen, ich hatte leider zuwenig Zeit für all das, weil ich zuviel auf Facebook war. Vielleicht ist die Menschheit überhaupt auch an der Grenze ihrer Kapazität angelangt – Kapazität für das, was noch möglich ist zu erfassen, zu verdauen, sinnvollerweise zu machen; dauernd die Grenzen der eigenen Kapazität überschreiten macht krank und ist der Burnout-Bringer schlechthin (sofern wir nicht in absehbarer Zeit genetisch mutieren und alle zu Superheroes werden oder das ewige Leben haben).

Gerade kürzlich erst erfuhr ich wieder von einem Fall einer schweren Erkrankung in meinem Bekanntenkreis, Erkrankung sicher hauptsächlich auch ausgelöst durch „zuviel von allem“, nicht mehr bewältigbare völlige Überlastung im Beruf. Alle arbeiten wir uns krank und beuten uns aus bis zum Tod. Über allem steht Geiz und „Wachstum“.. Wie können die „Chefs“ nicht sehen, dass ihnen die Burn-Outs ihrer Angestellten viel mehr Schaden anrichten als evtl. fünf Minuten mehr tägliche Pause?

Braucht die Menschheit einen „Rückschritt“ zu einem normaleren, gesünderen, kreativeren Pensum? Man kommt mit dem Verarbeiten gar nicht mehr nach, es ist alles längst zuviel für das menschliche Wesen. Auch die oben erwähnten Nachrichten, die uns allen von überall und meistens ungefiltert 25 Stunden am Tag um die Ohren fliegen – wie ich höre, hat sogar der Papst kürzlich sehr nachrichtenkritische Worte gesprochen, was ich sehr sehr gut finde! Boulevardmedien, Internetseiten u.v.m. ergießen Tag für Tag ihre JAUCHE über die Menschen und vergiften alles damit, verblöden die Menschen vorsätzlich mit ihrem billigen Dreck. Komplexe Sachverhalte müssen auf zweieinhalb Trottelschlagwörter heruntergebrochen werden, um „konsumierbar“ zu sein.

Aus meiner Sicht sind die Alternativen auf längere Sicht entweder eine Beschränkung auf gesundes Maß, oder ein Kollaps, im Kleinen wie im Großen (nicht nur auf Nachrichten und Medien bezogen). Take a break, Menschheit!

Ich werde wegen all diesen Dingen jetzt aber nicht zum Eremiten, im Gegentum. Fühle mich wieder wesentlich lebendiger, spiritueller, „anwesender“. Nehme das Leben wieder mehr analog wahr, mit anderer Energie. Ein paar Gänge zurückschalten tut so gut.

Wie kann ich ohne FB weiter an der Zivilgesellschaft teilnehmen, wie mich engagieren, mit Gleichgesinnten austauschen? Der Preis auf FB ist auf Dauer zu hoch. Aber es gibt auch ohne (oder auch gerade ohne) FB jeden Tag hundert Möglichkeiten für ebendieses Engagement. Oder einfach auch nur Möglichkeiten, sein Leben sinnvoller und schöner und friedlicher zu leben.

Eine Vision wäre vielleicht eine ähnliche soziale Plattform, die aber gleichzeitig nicht so ein rabiater Zeitfresser ist und die vor allem auch den Fokus auf Kreativität hat, nicht auf Selbstdarstellung, ohne den bullshit; ein Netzwerk, das irgendwie gesünder lebt und atmet – ich weiss nicht, ob und wie das möglich ist.

Natürlich ist Facebook auch gerade für selbständig arbeitende Menschen ein (zumindest vermeintlich) wirkungsvolles Tool. Die berühmten „Likes“, denen wir alle hinterherjagen, die wir oft als kleine Belohnung empfinden usw., sind im Grunde nichts anderes als eine Instant-Bewertung; bei künstlerischen Leistungen ist das aber sehr heikel, weil es überhaupt nicht gesagt ist, dass das, was die meisten Likes erhält, auch künstlerisch am wertvollsten ist (oft auch gerade im Gegenteil). Und künstlerische, kreative Leistungen sind nicht dazu da, sofort „bewertet“ zu werden, genausowenig wie das Leben selbst. Dieses Schnell-Bewerten ist auf den ersten Blick eine nette Spielerei, die aber immer Gefahr läuft, mit einer Aussage über Qualität usw. (oder auch „Wahrheit“) verwechselt zu werden, was ein sehr grosser Irrtum sein kann. Kunst, ebenso wie das Leben, wie der Mensch, braucht Zeit, sich zu entfalten, Dinge in Ruhe tun und entwickeln zu können. Diese Zeit und Ruhe geht uns allen aber zunehmend ab, wir jagen nur mehr den Likes hinterher, wollen/müssen schnellstmöglich auf uns aufmerksam machen, müssen alles immer noch kürzer und weniger komplex und deppensicherer machen, Abwärtsspirale..

(Wir können auch mit nur ein paar Mouseklicks in ein paar Sekunden alles über alles abrufen – abrufen, aber nicht wirklich „erfahren“.. Wir haben alles Wissen der Welt zu unserer sofortigen Verfügung, „wissen“ vermeintlich alles, sind aber gleichzeitig durch all diesen Überfluss nur mehr wie gelähmt?)

Natürlich ist mir bewusst, was man als Freiberufler durch solche Plattformen für Möglichkeiten hat – eine Art von Eigen-Marketing, die früher so nicht möglich war. Auch hier natürlich Fluch und Segen. Youtube ist auch so ein problematischer Fall. Man hat dort Zugang – KOSTENLOS – zu einer Fülle von Musik, die schier nicht beschreibbar ist, und kann seine eigene Musik problemlos und sofort der ganzen Welt präsentieren. Gleichzeitig ist man dadurch als Musiker immer mehr zur Präsenz auf Youtube gezwungen, was in der Regel bedeutet, das man seine Musik gratis herschenken muss und sich nebenbei auch der stupiden „Daumen“-Bewertung aussetzt. Viele der grössten Meisterwerke der Musikgeschichte oder Aufnahmen der allergrössten Künstler werden gratis zur Verfügung gestellt und dafür von irgendwelchen Idioten mit dem stupiden, vertrottelten, primitiven „Daumen nach unten“ bewertet – ich halte das für eine kranke und grundfalsche Entwicklung. Die freie Zugänglichkeit der Kunstwerke ist einerseits toll, trägt aber sicher auch dazu bei, dass diese zunehmend als „wertlos“ betrachtet werden, weil sie eh nix kosten.. Und während wir alle eifrig mit dem Bewerten beschäftigt sind oder selber Sachen posten, die möglichst schnell möglichst viel möglichst gut bewertet werden sollen, während alles immer schneller und immer erfolgversprechender gehen muss, machen wir immer weniger eigentliche Musik, wirkliche Kunst, leben eigentlich immer ein Stückchen weniger. Und eine Plattform wie Youtube lebt ja überhaupt auch sehr stark von der Musik früherer Zeiten, als Musiker und Komponisten noch hauptsächlich Musiker und Komponisten waren, nicht hauptsächlich Facebooker, und noch Zeit für ihre eigentliche Arbeit hatten..

Natürlich auch hier die Zweischneidigkeit – auch ich selbst bin wahrsch. auch mehr als „nur“ Musiker, äussere mich gern textlich, schreibe und sage gern meine Meinung zu manchem..

Habe auch keine großartigen Antworten auf all das. Aber für mich war es wichtig, in dem ganzen Trubel rundherum, der immer ohrenbetäubender wird, auch wieder meine eigene innere Stimme mehr zu hören. Und hierbei hat mir der Facebook-Ausstieg sehr geholfen.

Ein paar Gedanken noch, die ich mir über mich selbst mache. Hab ich mich in gewisser Weise viel zu lange in meinem Leben mit „nur Kontrabass“ aufgehalten, übertrieben gesagt? Ein guter Teil meiner persönlichen Geschichte ist, dass ich mich über lange Zeit und Stück für Stück von Altem befreit habe, oder das zumindest versuche. Nie mit der Entwicklung irgendwo stehenbleiben will. Befreiungsversuche von vielem, was einem die Gesellschaft als Heranwachsender überstülpt; befreit vom Orchesterspielen und von der „Klassik“ (was nicht heisst, dass mich diese nicht sehr beeinflusst hätte und auch ein großer Teil von mir ist). Jazz, Improvisation, Befreiung. Dann mit „Artist`s Way“, morning pages u.v.m. immer weitergehend, nicht mit der Entwicklung aufhörend, langsam aber stetig „ich selber“ werdend, mich immer ein bissl mehr befreiend. ..Und Facebook ist für mich jetzt gerade auch eher etwas, was im Weg steht und die Sicht verstellt, als mich weiterzubringen. Grundlegende Gedanken und Fragen: worum geht es mir im Leben, was will ich? In erster Linie mich ausdrücken und Dinge kreieren, erschaffen? Wie wichtig ist es gleichzeitig, viele Menschen damit zu erreichen? Wohl auch wichtig, aber vielleicht erst an zweiter oder fünfter Stelle? Ist das Wichtigste am Kunstwerk der Prozess des Erschaffens? Mein persönlicher Glaube ist, dass wir hier sind, um zu erschaffen, hierin sehe ich auch so etwas wie den „Sinn des Lebens“ schlechthin. Steht einem erschaffenden Künstler das Ego am meisten im Weg? Beziehungsweise eh einfach uns allen? Viele dieser Fragen stelle ich mir in unterschiedlicher Form seit Jahren, sie poppen immer wieder mal auf, eigentlich täglich. Wäre es nicht am besten, das eigene Ego einfach wegzuschmeissen, über Bord zu werfen, und mit etwas ganz Neuem wieder ganz von vorn anzufangen? Wieder Schüler sein, das Leben wieder neu lernen, von Grund auf neu erleben!

Rund um mich sehe ich auch sehr viel gute Energie und Kreativität – die auch ganz natürlich eine Art Ur- oder Grundzustand des Menschen ist. Und es berührt mich, wie viele Menschen immer wieder „kleine“ oder dadurch in Wahrheit viel grössere Kunstwerke oder kreative Dinge machen. Hierzu gibt es dann leider oft auch gleich die Bewegung, die all das auch schnellstmöglich kommerzialisieren, nivellieren will.. aber diese good/bad-forces, sind die nicht beide in jedem von uns vorhanden? Quasi wie offline und online? 😉

Vielleicht schweife ich ab, und vielleicht liege ich mit folgendem auch falsch, aber ein kurzer Versuch noch. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre sind einige der grössten, prägendsten und stilbildendsten Künstler gestorben – Jaco Pastorius, Thomas Bernhard, Frank Zappa, Astor Piazzolla, Leonard Bernstein, Miles Davis. Stilbildend und prägend wie seither kaum jemand – oder niemand – mehr? Ist es Zufall – oder auch nur eine falsche Überlegung von mir -, dass Künstler dieses ganz großen Formates seit Anbruch des digitalen Zeitalters und des Internets eigentlich kaum mehr auftauchen? Haben durch die „Demokratisierung“ des World Wide Web einzelne Personen (oder auch Organisationen) einfach weniger Einfluss und Macht, was ja positiv wäre? Oder ist einfach die Beliebigkeit auf allen Fronten so gross geworden, und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen so gering, dass eh alles ein bissl wurscht ist?

Nein – ich weigere mich trotz aller vermeintlich schlechter Zeichen, zum Kulturpessimisten zu werden, und glaube unerschütterlich weiter an das Gute und die Kreativität des Menschen und an seine Fähigkeit, sich zu wandeln und verändern und Schlechtes hinter sich zu lassen.

Aber – sehr vieles in unserer tollen „modernen“ Zeit ist am Plafond angelangt und geht im wahrsten Sinne des Wortes einfach nicht mehr „weiter“. Wirtschaftswachstum – wohin? Nachrichtenflut – wer kann sie noch auf- oder wahrnehmen? Mehr „Perfektion“ ist in vielen Bereichen schon gar nicht mehr möglich, und wenn, dann um den Preis der Zerstörung des Menschen. Die Idee des „ständig weiter und höher und mehr“ ist in sich grundfalsch. Erst die Pausen oder vermeintliche „Rückschritte“ machen neues Wachstum oder neue Kreation wieder möglich. Wir müssen in unserem Leben wieder wesentlicher werden.

Um nochmal zum Anfang zurückzukommen.. Facebook kann toll sein, aber auch eine kolossale Ablenkung; wir alle sind irgendwie Facebook-Sklaven, und das wird uns bestimmt nicht glücklich machen, höchstens süchtig. Topfpflanzen, bitte geht`s spaziern. 🙂

Ich werd irgendwann bald auch den gesammelten kompletten Wortspielthread zum Download auf meine Website stellen. Einstweilen euch allen eine schöne, glückliche, erholsame Zeit, und alles Beste für 2017! And try some offline! 🙂

Yours, Schurl

3 Comments

  1. Franz Alexander Langer sagt:

    Ja, es gibt noch Menschen, die gerne Texte – auch längere – lesen. Und deinen Text habe ich besonders genau lesen und nachvollziehen wollen. Jeder Mensch ist – im besten Fall – sein eigener Herr. Entweder rauchen oder nicht. Etwas dazwischen gibt es nicht. Entweder FB voll und ganz, oder eben nicht. Oder doch nur sporadisch? Eine Abkehr von Nachrichten ist – da dies oft von ganz anderen Menschen gemacht wird, die nicht über dein subfontanelles Mobiliar verfügen – eher fragwürdig. Fernsehen kann man mögen oder nicht. Man muss sich ja nicht berieseln lassen, wenn man das nicht möchte. Aber eines muss ich jetzt schon fragen: wie kann es sein, dass ein blitzgescheiter, kreativer, massiv musikalischer Mensch mit einem hochaktiven, interessierten und offenen Geist sich derartig von Facebook, den Medien, den Nachrichten und anderen äußeren Einflüssen drangsalieren lassen kann? Ich maße mir nicht an, mich mit dir zu vergleichen, doch sind wir beide Musiker, Texter, Komponisten, Arrangeure und Teilzeitwahnsinnige, die damit ihr Leben verbringen. Nein, falsch. Also in meinem Fall verbringt die Musik ihr Leben mit mir. Ich hab da ja kein Mitspracherecht. Ideen kommen, werden umgesetzt und da fragt keiner nach, ob ich gerade auf Facebook bin. Wieso auch. Vielleicht habe ich ja das Glück (oder Pech, es kommt auf die Betrachtungsweise an), dass ich nicht getrieben bin oder war. Natürlich ergreift die Muse von einem Besitz und lässt einen im Rausch, dem keine Droge der Welt auch nur in die Nähe kommt, die Einfälle verfolgen und zu Papier/Datenspeicher bringen. Doch am Ende des Tages sitze ich am Hebel und kann sagen: Nein, stopp! Jetzt nicht. Das geht natürlich nicht immer. Aber oft. Und das ist auch gut so. In allen Bereichen. Sei es die ungefragte Überflutung mit Informationen durch Medien aller Art, wie auch das Nachjagen nach kreativen Erfolgserlebnissen. Vielleicht haben wir aber auch unterschiedliche Zugänge. Ich würde wohl etwas vermissen, wenn ich mir im Fernsehen kein Skirennen mehr ansehen kann, wenn ich auf FB in Zeiten einer Wahl nicht die Beweggründe der Anhänger des mir nicht so sympathischen Kandidaten ansehen und analysieren könnte. Wenn ich nicht in der Schüttelreimgruppe den eben erst erdachten Blödsinn posten und meinen Verwandten in den USA die neuesten Fotos meiner Tochter schicken könnte. Aber ich verstehe dich. Nicht jeder kann sich erfolgreich abgrenzen. Und Kreativität braucht Ruhe. Ich bin gerne mit mir alleine. Aber das bin ich auch, wenn FB gerade in meinem Browser geöffnet ist. Wie auch immer du dich entscheiden wirst, lieber Georg. Es wird gut für dich sein. Nur ein Gedanke noch: manchmal entfernt man sich von Vielem. Manchmal erscheint es nur logisch wie auch heilsam, Ballast abzuwerfen. Manchmal möchte man einfach neu starten und Altlasten hinter sich lassen. Man macht das, nur um am Ende draufzukommen, dass nicht die Altlasten, der Ballast oder sonstiges der Grund war, wieso man nicht weitergekommen ist. Oftmals ist man es selber. Es ist die Art, wie wir mit den Anforderungen, die das Leben an uns stellt, umgehen. Und diese gedankliche Umkehr in sich selber nachzuvollziehen und zu akzeptieren ist meist der schwerste Weg. Been there, done that. Nur so als kleine Idee. Liebe Grüße!

  2. Kirsten Ohst sagt:

    Damke – vielen herzlichen Dank!!

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