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Carmen

Posted by on 13. März 2016 with 0 Comments

Unsere „Carmen“-Produktion in der Wiener Kammeroper beschäftigt mich seit mehreren Wochen sehr – darum schreibe ich jetzt ein paar Gedanken über diese sehr spezielle, besondere, unglaublich lohnende Produktion und Arbeit auf. Es kommen hier für mich ganz viele Faktoren zusammen, die mir extrem Spass machen und die ich als total beglückend empfinde. Zum einen mache ich wieder etwas, was ich vor 20 Jahren sehr intensiv gemacht habe, nämlich Opern spielen – aber als einer von drei Musikern, nicht im großen Orchester, und vor allem habe ich und nehme ich mir die Freiheit, eben genau nicht ausschliesslich den „Notentext“ zu spielen, sondern auch – natürlich mit großer Disziplin und in einem engen Rahmen, aber trotzdem – „Sachen reinzuspielen“, in geringem Ausmaß hier auch in einer Oper zu improvisieren, was mir ganz wichtig ist und mir in einem normalen orchestralen Setting natürlich sehr fehlen würde. Und ich nehme in Anspruch, dass das absolut nicht als Selbstzweck oder Blödelei gemeint ist, sondern im Spirit und in der Energie des Momentes passiert und gerade daher wichtig und berechtigt ist. Hier begeben wir uns auf heikles Terrain, denn ich bin sicher, dass es bei Puristen so manches Naserümpfen darüber gäbe und gibt. Aber ich denke, dass es nicht die Zukunft der Musik, weder der klassischen noch irgendeiner anderen, sein kann, den selben Ur- oder Urururtext noch ein paar Jahrhunderte lang immer wieder aufs Neue (gleich) zu interpretieren, ohne Platz für etwas anderes zu lassen. Ich denke auch, dass langsam ein neuer Musikertyp (Menschentyp?) entsteht, für den nicht nur die Verbindung von geschriebener und improvisierter Musik selbstverständlich ist, sondern auch die Entstaubung der allzu „heiligen“ klassischen Musik. Ich durfte einmal Nikolaus Harnoncourt bei einer Probe für eine Mozartoper erleben; im Zuge eines Gespräches mit einer Sängerin über ein Rezitativ sagte er sinngemäß, „Wenn Sie sich mit dieser Stelle nicht wohl fühlen, singen Sie andere Noten.“ Genau!

Im Zuge der Premiere und der weiteren Vorstellungen habe ich von verschiedenen Seiten die Meinung/Beobachtung gehört, dass hier vielleicht etwas Neues passiert, was es zuvor (in dieser Form) noch nicht wirklich gab – eine große Oper mit Instrumentaltrio statt vollem Orchester einerseits, garniert mit kleinen improvisatorischen Dosen innerhalb der geschriebenen Musik, das ganze noch ohne Dirigent, was die Sache auf der Bühne musikalisch hochspannend macht. Brillant arrangiert von Tscho Theissing ausserdem, und natürlich könnte man sich für dieses Projekt z.B. keinen idealeren Geiger als Sebastian Gürtler wünschen, der das Stück noch aus seiner Zeit in der Wiener Volksoper sehr gut kennt und an vielen Stellen der Kommunikator und das Bindeglied zwischen den Sängern und uns Musikern ist. Für Tommaso Huber am Akkordeon (übrigens im „Brotberuf“ auch Musiker im Volksopernorchester) gilt dasselbe. Mir persönlich gibt die ganze Produktion die Gelegenheit, mich auch wieder „klassisch“ zu betätigen, und in dieser Form macht es mir nicht nur unglaublich Freude, sondern beleuchtet und belebt auch einen musikalischen Teil von mir, den ich seit meinem Weggang vom Orchester ein bisschen vernachlässigt habe, ich würd mir tatsächlich wünschen, öfters solche speziellen Produktionen zu machen und mitzugestalten! Diese Art, Klassik und Improvisation zu verbinden, bringt mich auch mehr zu meinen eigenen roots zurück, baut und fügt mich selbst ein Stück mehr zusammen. Und vielleicht bringt sie auch Bizets Musik wieder etwas näher zu ihren volksmusikalischen, folkloristischen Wurzeln. Nebenbei habe ich auch erstmals am eigenen Leib erlebt, was es heisst, zumindest 1-2 Wochen lang täglich um die 7 Stunden zu proben, habe auch gespürt, welchen Belastungen Opersänger während einer solchen Probenzeit ausgesetzt sind, u.v.m. Der wochenlange Prozess des Erarbeitens, den ich in dieser Form und mit einem solchen Team noch kaum erlebt hatte, hat unglaublich Freude bereitet, man wächst klarerweise immer mehr zusammen und hat jeweils für ein paar Stunden so etwas wie eine Ersatzfamilie. Hier war wirklich eine Häufung von Glücksfällen zu sehen und zu spüren, z.B. mit einem Regisseur, der nicht nur sehr fokussiert, auch absolut offen und jedem noch so kleinen Vorschlag gegenüber immer respektvoll agiert hat; mit jedem einzelnen Mitglied des Teams, Sänger, Korrepetition, Licht.. ich glaube hier viel Herz bei der ganzen Sache zu spüren. Schliesslich und endlich die Musik von Bizet, die mich bei fast jeder Probe und Aufführung immer wieder tief berührt, die direkt ins Herz geht, im höchsten Maße emotionalisiert – und gleichzeitig von Tscho Theissing mit grossem Können für uns adaptiert wurde (und in keiner Weise „verjazzt“, wie es in manchen Besprechungen hiess). Die Musik beschäftigt mich auch noch lange ausserhalb der Proben und Vorstellungen, spielt untertags in mir weiter, rührt und berührt und beschäftigt mich permanent, ich bin tatsächlich oft wie elektrisiert davon – von einer Musik, die kaum jemanden kalt lässt, von einer Handlung, in der jeder von uns Elemente und Spiegel seines eigenen Lebens sehen und erkennen kann. Ich fand die Premierenkritiken auch spannend, weil in einigen davon völlig unterschiedliche Behauptungen aufgestellt wurden – einmal waren wir Musiker „exzellent“, ein anderes Mal kam mit uns überhaupt keine Stimmung auf.. (Auch einzelne Sängerleistungen wurden z.T. völlig unterschiedlich bewertet, usw.) Ich denke schon, dass das auch damit zu tun hat, dass hier – vielleicht – in gewisser Weise etwas Neues entstanden ist oder entsteht, für das es auch nicht wirklich klare Maßstäbe, „Messlatten“ o.ä. gibt – weil es eben neu ist. Und immer spannend, wenn etwas polarisiert! Ich für meinen Teil bin sehr glücklich, an dieser Produktion mitzuwirken, und kann nur von ganzem Herzen sagen – schauen Sie sich das an!

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