Home - A KIND OF JAHRESRÜCKBLICK

A KIND OF JAHRESRÜCKBLICK

Posted by on 30. Dezember 2014 with 2 Comments

Komme ich langsam zu meiner Essenz, zu dem, wie ich wirklich bin? So wie ein Bildhauer die Figur aus dem Stein herausarbeitet? Ich habe immer wieder das Gefühl, nach einer langen Reise gerade erst richtig auf der Welt angekommen zu sein. Alles neu, alles wieder von vorn? Langsam weama wiama san..

Ich komme abends in das Hotel in Baden zurück, nach dem Thermen, das ich so liebe, das mich so entspannt und mir immer viele Ideen beschert. Ich steige im 2. Stock aus dem Lift aus, und höre leise Musik vom Stockwerk darunter, sofort erkenne ich sie – es ist gerade erst ein Monat her, dass ich dieses Stück überhaupt kennengelernt habe, Ravels „Pavane pour une infante defunte“. Ich habe vor kurzem ein Projekt mit dem Symphonieorchester Vorarlberg gemacht, und dieses Stück von Ravel war im Programm das erste Stück nach der Pause, unvergesslich für mich, wie ich bei allen drei Aufführungen im Festspielhaus Bregenz hinter der Bühne saß, bei diesem Stück, ganz für mich allein, unbeobachtet, und weinte, so sehr hat es mich jedesmal berührt. Hier in Baden geht es mir genauso – und gerade vorhin hatte ich wieder den Gedanken, eine Art Jahresrückblick zu schreiben, nun als ich aus dem Lift aussteige und Ravels Pavane höre, weiss ich, dass das ein Zeichen ist, sit down and do it („show up at the page“). Ich setze mich vorher noch oben im 2. Stock hin, um das Stück noch fertig bis zum Schluss anhören zu können, ich will keine Sekunde versäumen, auch nicht für 10 Sekunden schnell aufs Zimmer gehen und die Winterjacke ausziehen oder ähnliches, nein, sit down and listen and feel. And cry, ach wie schön. Anschliessend hole ich meinen Laptop aus dem Zimmer, gehe hinunter und suche mir einen der schönen Tische zum Niederlassen und Schreiben aus – soll ich wirklich den nehmen, wo genau dahinter die Musik aus dem Lautsprecher kommt? Die gerade nach dem Ravel-Stück eher nur Gedudel ist, nicht so wirklich substanzvoll. Nein, doch, der Tisch fühlt sich richtig an, ich lasse mich hier nieder. Etwa 10 Sekunden nachdem ich mich hingesetzt habe, reisst die Musik plötzlich ab, unvermittelt, und beginnt nicht mehr, es bleibt ruhig und still, genauso wie ich es mir gewünscht und vorgestellt hatte. Ein weiteres Zeichen, ja wirklich. Und im Grunde gehe ich ja nur durchs Leben, während ich dauernd solche Zeichen empfange und in den allermeisten Fällen ignoriere, entweder weil „keine Zeit ist“, oder.. weil ich die Zeichen nicht sehe, oder sie doch sehe, aber nicht ernstnehme, nicht schätze, nicht wahrnehme, im wahrsten Sinne. Seit vielen Wochen oder Monaten denke ich daran, mehr zu schreiben, also in Wort und Text (nicht Musik), vielleicht ein Buch zu schreiben, denke dass ich darauf einfach Lust hätte und mir das vielleicht sogar leichter von der Hand gehen und fliessen würde, als Musik zu schreiben? Wort und Schrift habe ich in meinem Leben schon viel länger betrieben, als Musik zu komponieren, fühle mich da auf eine gewisse Weise sogar sicherer, erfahrener. Haha, ich wollte hier einen kleinen Rückblick im quasi Stenogrammstil schreiben und verliere mich schon gleich anfangs in Details..
Wovon könnte ich berichten, ohne mich zu verzetteln? Gut, nach bewährter Methode beginne ich irgendwo.. Ich war in Hongkong, und schon auf der Reise dorthin wusste ich, ich muss unbedingt jedes Detail davon aufschreiben, festhalten, es ist so irre, was ich da erlebe, dass ich es festhalten muss. Nur, die Kraft und Energie hat nicht gereicht dazu – am Rückflug hätte ich Zeit gehabt, zu schreiben, aber der Körper und die Energie konnten nicht mit.
Gut, nein vielleicht doch Stenogrammstil. Alles, was mir einfällt. Warum fällt mir die Liebe als erstes ein? Weil sie das wichtigste auf der Welt ist? Das einzige? Ist alles Liebe? Die vielen tausend Gedanken an Katja (Name von der Redaktion geändert), eine der Kurzbeziehungen der letzten 2 Jahre, was sagen mir diese Gedanken? Dass ich zutiefst berührt wurde von dieser Liebe, auch (oder gerade) weil es keinen Kontakt mehr zu ihr gibt? Ist nicht alles Liebe, jeder Sessel, in dem wir sitzen, jeder Schritt, den wir gehen, jeder Gedanke den wir denken? Die ewigen, glühenden, vielen einzelnen Momente von Spaziergängen spät in der Nacht, oder frühmorgens, immer allein, meist glücklich, in Bewegung. Die Momente, in denen ich auf diesen Spaziergängen Seelenfrieden finde, Frieden gleichzeitig mit totalem Aufbruch, immer wieder neuem Erkennen der grossen Energie, über die ich verfüge.
Nein, verzettle ich mich schon wieder? Oder fällt es mir wie immer schwer, allzulange bei einer einzelnen Sache zu bleiben? So wie auf meinen CDs, jedes Stück anders, andere Besetzung. Am liebsten schönsten einfachsten wäre es ja, einfach einige der Musikstücke aufzuzählen, die mich schon ein Leben lang begleiten, die ich so sehr liebe, um so meinen Lebensweg zu beschreiben, diese Aufzählung wäre dann ganz einfach wieder nur Liebe. Harlequin, Wayne Shorter/Weather Report, ..ach nein, zuviele, ich komme da nicht weit, gebe lieber gleich auf.
Vielleicht nur in einzelnen Worten den Jahresrückblick gestalten? Die Aufnahmen zu meiner CD, der Tontechniker, der wenige Stunden vor der Aufnahme krank wurde, fast alles ging da schief, und wurde trotzdem eine geniale recording session. Einfälle im Supermarkt, ein Stück das dann auch auf meine CD kam. Völlige Verzweiflung, in ein paar wenigen Momenten nicht mehr weiterleben wollen. Die grösste Lebenskrise ever. Dann, einige Monate später, geht eines Tages die Sonne auf, und die Krise verzieht sich langsam. Schliesslich ist sie eines Tages verschwunden, ich weiss nicht wohin, aber sie ist weg. Ich habe es geschafft, bin über den Berg, habe neuen Sinn im Leben gefunden, kann wieder neu anfangen. Die Momente des Glücks häufen sich. Die Selbstzerfleischung wird etwas weniger, ich lerne viel dazu im Leben, erlebe das Leben plötzlich und schrittweise ganz anders, erlebe die Menschen ganz anders, bin mehr „da“, vorhanden, anwesend, mein altes Lebens- und Menschenbild verschwindet langsam (aber sollte ich es nicht noch rechtzeitig in Wort und Schrift festhalten?). Ich beginne mich ein klein wenig im Leben zu entspannen, kann mehr Vertrauen fassen, komme ein bissl „runter“. Es ist ein sehr gutes Gefühl – und auch Teil eines Kreises, der sich immer wieder schliesst, ein Lebens-, Energiekreis, ich betrete ihn, verlasse ihn wieder, betrete ihn erneut. Ich bin völlig unzulänglich und gleichzeitig gigantisch. Hm, macht das noch Sinn, oder hat mir jemand was in den Zweigelt reingetan?
Und ausserdem ein bisschen raus aus der Kaschperlkiste. Egal, das ist nicht der Punkt hier, was ist nun mit dem Jahresrückblick!? Ich komme immer öfter auf den Gedanken, ich will alles, ALLES was ich jemals erlebt habe, nicht nur annehmen, schon gar nicht nur „akzeptieren“, sondern umarmen, alles zu mir gehörende, nicht wie bisher dauernd versuchen, es abzustossen, nein, annehmen, umarmen, integrieren. Alles – die Gewalt, die ich erlebt habe, das grosse Talent und die Energie, die in mir wohnt, die ich generieren kann, alle Peinlichkeit, Unzulänglichkeit, alle grossen Erfolge, Misserfolge, grossen Fehler, alle Reisen, Lieben, Ängste, Zwänge, alle Sinnlosigkeit, Leere, alle Liebe, von der ich viel in mir und zu geben habe. Alle versäumte Zeit, Vergessenes, Versunkenes, in den Wind gesungenes, alle falschen und richtigen Töne.

Flug nach Hongkong – ich habe am Vorabend ein Konzert in Graz gespielt, danach noch nach Wien gefahren, ganz kurz geschlafen, und weiss nun, der Schlaf wird sich auch in den nächsten Tagen nicht einstellen. Ich lande pünktlich um 07:00 morgens in Hongkong, und weiss, um 10:00 beginnt die Orchesterprobe. Im Flieger wie üblich kein Auge zugemacht, wenn überhaupt dann vielleicht für 5 Minuten, also in Summe schon 2 Nächte praktisch gar nicht geschlafen. Ich werde am Flughafen abgeholt und ins fantastische Hotel gebracht, 36. Stock, Zimmer unglaublich. Halte mich aber grad mal eine halbe Stunde darin auf, gerade genug, um mich frischzumachen und alles für die Probe nötige zusammenzupacken, dann sofort in die Konzerthalle weiter. Das Gefühl nach 2 Nächten ohne Schlaf ist absurd. Ich treffe Beni und den Dirigenten vor Ort, wir reden kurz, dann versuche ich, bis 10:00 mit dem Instrumentarium, den Verstärkern, der Bühnenaufstellung klarzukommen. Wie üblich habe ich bei Flugreisen meinen eigenen Kontrabass nicht mit, das ist viel zu kompliziert und unsicher geworden, und lasse mir daher vor Ort einen Bass zur Verfügung stellen – was oft nicht ganz einfach ist, auf einem fremden Instrument zu spielen, das man nicht kennt, das oft auch nicht sehr gut ist, aber all das ist man als Kontrabassist ohnehin gewöhnt. Dieser Kontrabass hier ist nicht schlecht, aber er hat eine etwas zu niedrige Saitenlage, was problematisch ist, aber ein anderer ist auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Zusätzlich soll ich hier bei einem Stück auch E-Bass spielen, was ursprünglich nicht vorgesehen war, das Orchester hat mich darum gebeten, quasi „einzuspringen“, so spiele ich nun auch den E-Bass-Part zu Guldas Violinkonzert. Zwei Instrumente, zwei Verstärker, zwei verschiedene Bühnenpositionen, Noten, Dirigent, hundert Sachen zu checken bis 10:00, und es klappt auch alles soweit. Wir proben dann lang, viele Dinge, auch 5 oder 6 Stücke von mir in großorchestralen Arrangements, es funktioniert alles und der Dirigent versteht auch meine Musik gottseidank sehr gut. Nach langer Probe mit dem Orchester und einer kurzen Mittagspause, in der wir riesige Fotos von uns in einer U-Bahn-Station sehen, proben wir – Beni, Antoni und ich – noch im Trio weiter, da wir am selben Abend bei einem Fundraising-Event des Orchesters spielen sollen, ein Konzert von etwa 1h. Es geht noch immer, es ist noch Energie da, aber ich merke, dass ich von der niedrigen Saitenlage des Basses wieder Blasen auf den Fingern der rechten Hand bekomme, was extrem schmerzhaft beim Spielen sein kann, ich muss mich etwas schonen – was ich aber nicht fertigbringe, ich sage sogar zu meinen Kollegen, Jungs, ich markiere ab jetzt nur mehr, ich kann nicht mehr volle Kraft weiterspielen bei der Probe, aber was ich tue, ist mit voller Kraft bei der Probe weiterzuspielen, es gelingt mir nicht, zurückzustecken – wäre ich sonst etwa „zu wenig“?
Eigentlich sollten wir direkt nach der Trioprobe zum abendlichen Veranstaltungsort weiterfahren, können aber den Plan zumindest noch so ändern, dass wir uns im Hotel noch  eine Stunde hinlegen können und erst dann fahren, mit der U-Bahn statt mit dem Auto, weil es verkehrsmässig sonst zu schwierig würde. Ich schaffe es, eine knappe Stunde zu schlafen, was ein grosser Segen ist, komme aber danach nur mit grosser Mühe überhaupt aus dem Bett, ich bin in Wahrheit fix und fertig, kann nicht mehr, aber wie üblich muss es halt sein. Und meine Finger schmerzen total, eine Kombination aus kürzlich wieder etwas zu kurz geschnittenen Fingernägeln und der erwähnten niedrigen Saitenlage des Basses. Ich quäle mich auf und hinunter, wo eine Abordnung des Orchesters auf uns drei wartet, und wir gehen gemeinsam den langen Fussmarsch durch das nahegelegene Einkaufszentrum zur U-Bahn-Station. Gerade als wir durch den Schranken der Station gehen wollen, merke ich, dass ich meine Tasche mit allen wichtigen Utensilien wie Noten, Kolophonium, Leukoplast etc. im Hotelzimmer vergessen habe – das passiert mir praktisch nie, ich bin normalerweise gut organisiert. So geht nun der Assistenzdirigent des Orchesters mit mir zum Hotel zurück, während die anderen vorausfahren. Irgendwann dann doch noch in der U-Bahn angekommen, wird alles surreal – ich habe noch nie in meinem Leben derartige Menschenaufläufe gesehen wie zur rush-hour in der Hongkonger U-Bahn, nicht in New York, auch nicht in Tokio, es ist unglaublich, und wird immer absurder, aus meiner völligen Übernachtigkeit nehme ich alles etwas distanziert war. Bin aber gleichzeitig auch voll da, und weiss, dass ich gleich ein Konzert spielen muss, und ich bekomme gerade etwas Angst, nämlich Angst davor, nicht mehr zu können, und dadurch nicht zu genügen. Das Konzert ist wichtig, „alle sind da“, Orchestermanagement, Dirigenten, ausgesuchte Gäste, versammelte Wichtigkeit, es geht um Fundraising. Und ich bin körperlich in einer absolut grenzwertigen Situation, zwei Nächte nicht geschlafen, kann durch die Schmerzen an den Fingern nicht mit dem Einsatz und der Leidenschaft zupfen und spielen, die für mich normal wäre, und es verdüstert sich meine Stimmung rapide. Irgendwann nach U-Bahn-Fahrt und einem weiteren längeren Fussmarsch durch den Regen im Veranstaltungssaal angekommen, absolvieren wir den Soundcheck, er wird zur Qual für mich, Schmerzen, Müdigkeit, Frust. Ich habe aber noch eine Idee, ich muss diesen „Trumpf“ nur selten auspacken, aber heute ist es wieder mal soweit, Trumpf in Form einer Schmerztablette, Voltaren 100mg, die stärksten Voltaren, alle anderen sprechen kaum an bei mir. Gsd. muss ich fast nie irgendwelche Tabletten nehmen, aber heute abend definitiv, und ich nehme das Ding etwa 15 Minuten vor Konzertbeginn, sodass sich die Wirkung hoffentlich gerade bei Spielbeginn entfaltet. Und die Rechnung geht voll auf, das Voltaren wirkt, ich spüre die Fingerschmerzen nicht mehr, und die Verzweiflung und Angst vor dem Konzert hat sich in völlige Freude und unbändige Spiellust verwandelt, das Trio kommuniziert fantastisch untereinander, wir lachen, tanzen beim Improvisieren, es entstehen permanent neue Dinge, Ideen fliegen hin und her, es ist einfach fantastisch, die Funken fliegen. Ja! Love! So soll es sein! Wir bekommen standing ovations, und die grösstmöglichen Komplimente anschliessend, und sie stimmen auch alle. Es geht mir nicht selten so, dass ich, einmal durch Verzweiflung & Co durchgegangen, die schönsten tollsten Höchstleistungen vollbringe, im kleinen wie im grossen, im Alltag, in heiklen Gesprächen, bei Konzerten wie dem beschriebenen, und im ganzen Leben, nach durchschrittener Krise, nach der die Sonne wieder aufgeht und in ganzer Pracht auf den Berggipfel scheint. Natürlich frage ich mich nicht selten, muss dieses Drama, diese Qual wirklich immer sein, besonders vor manchen Konzerten?
Nach dem Konzert gehen wir noch groß essen – und ich sitze wie immer an Nuller-Tagen ganz diszipliniert daneben, und esse nichts, schaue den anderen beim Essen zu. Seit mittlerweile 4 Jahren ernähre ich mich nach der Methode 1 Tag Essen, 1 Tag Fasten, und ich ziehe es ausnahmslos durch, auch heute, an diesem Wahnsinnstag, der nun etwa 36 Stunden gedauert hat, oder wie lang auch immer.. wobei ich aber wie üblich nach einem solchen Konzert ohnehin nicht gleich schlafen gehen kann. Am darauffolgenden Tag, nach immerhin 6-7h Schlaf, spielen wir abends das große Konzert mit Trio und Symphonieorchester, auch dieses läuft sehr gut und ist sehr erfolgreich – wenngleich ich mich mit „sehr gut“ nie zufrieden geben kann, alles unterhalb einer völligen Explosion der Kreativität auf der Bühne lässt mich eigentlich unzufrieden und unglücklich zurück, so auch an diesem Abend. Aber ich gehe mittlerweile schon besser um mit solchen Dingen. Der Abend setzt sich dann auch noch ungewöhnlich fort – mein Rückflug geht bereits zwei Stunden nach Konzertende, kurz nach Mitternacht, und ich muss mein Gepäck bereits am späten Nachmittag, zwischen Generalprobe und Konzert, einchecken, was mich vor neue kleidungspacktechnische Herausforderungen stellt, irgendwo muss ich ja auch ohne Koffer mein nach dem Auftritt völlig durchgeschwitztes Bühnengewand verstauen – die Lösung besteht schliesslich einfach in einem Plastiksackerl.. Direkt nach Konzertende schreibe ich noch schnell ein paar Autogramme am Bühnenrand, um mich dann zu entschuldigen, in die Garderobe zu rennen und mich umzuziehen und dann so schnell wie möglich die nächste U-Bahn zum Flughafen zu erwischen, in Begleitung einer Assistentin des Orchesters. Es geht alles so schnell, dass ich mich nicht einmal mehr von meinen Triokollegen und den Leuten vom Orchester verabschieden kann. Sicher eine der absurdesten und krassesten Reisen der letzten Zeit, aber doch nur ein kleiner Ausschnitt aus dem alltäglichen Wahnsinn des Musikerdaseins, ich sollte öfters und detaillierter Buch führen über diverse erlebte Wahnsinnigkeiten. Wenn ein Filmteam diesen Hongkong-Trip begleitet hätte, wir hätten jetzt einen unglaubliche Doku beisammen..

Die Apokalypse des Autounfalls, den ich erlebt habe. Westautobahn, Schnee, Schleudern, 40 Autos, Massenkarambolage. Der Schock des Unfalls am 6.12.2013, ein paar Kilometer von St. Georgen entfernt, hat emotional unglaubliches in mir freigesetzt, offengelegt. Lang „erledigt“ geglaubte Dinge melden sich mit voller Wucht in mir zurück – habe ich diesen Unfall sozusagen „gebraucht“, um im Leben weiterzukommen? Eine verarbeitet geglaubte Trennung taucht als riesengrosser Schmerz wieder auf, ich laufe wochenlang nur weinend durch die Stadt, schaffe es eine Zeitlang nicht mal mehr, alleine zuhause zu sein, Weihnachten 2013 wird zu meinem schlimmsten Weihnachten ever. Aber zur selben Zeit natürlich auch gewaltige Gefühlstiefe, tiefes Spüren und Mitfühlen, und langsam aber stetig ein völlig neues Lebensgefühl, eine ganz andere Sichtweise des Lebens, eine ganz neue Wahrnehmung. Ein Prozess, der sich sehr schmerzhaft noch etwa ein halbes Jahr gezogen hat, mit vielen Tränen, viel Verzweiflung verbunden. Ich stelle alles in Frage, sogar, ob ich noch Musik machen will. Manchmal so schlimm, dass ich während eines Konzertes aufstehen und gehen will. Und irgendwann, eines Tages, ist man plötzlich über den Berg, merkt, dass die besagte Sonne wieder scheint, geniesst es, hat neue Perspektiven im Leben, neue Pläne, neue Lust am Leben. Natürlich sagt sich das im nachhinein leicht, aber ich möchte selbst von den schlimmsten Momenten, in denen gar nichts mehr ging, keinen einzigen missen. Durch den Schmerz hindurchgehen, ihn nicht vermeiden. Wenn nötig schreien. Eine langsame Menschwerdung, Ganzwerdung. Vielleicht hat es den Horror des ganzen Unfalls gebraucht, um mich wieder mehr mit der ganzen Welt in Einklang zu bringen?

Momente, Gedanken, Gefühle. Pannonien, Urlandschaft, wenn ich irgendein spirituelles Zuhause habe, dann ist es dort. Ich kann auch nicht erklären, warum, es ist so, war immer so, das Burgenland hat eine tiefe, magische Anziehung auf mich. Ungarn, Rumänien, Serbien, das schwarze Meer, grosse verbundene kulturelle Räume, Phantasien, Geheimnisse. Immer wieder kurz am See, in Podersdorf, die Wahrheit in Form von Sonnenuntergängen anschauend, vermuten, ahnen, was sich im See für Wahrheiten verborgen halten, wir spüren sie, wir wissen sie nicht. Mystischer Sehnsuchtsort. Gewaltiges liegt in der Luft, viel grösser, als wir es sehen, erdenken können. Die Wende ist genommen, die Welt liegt schon in der Kurve.
Toni Stricker, „Wintersonne“, von der CD „Ornamente“, die mich seit über 20 Jahren begleitet, und viele andere Stücke von der selben CD. Tiefe.
Spaziergänge, Alszeile, allein, glücklich, verbunden, atmend. Nachts, morgens. Die Gedanken fliessen lassen. Mich von meinen Beinen irgendwohin tragen lassen, die Gegend erkunden, die ich noch kaum kenne, Entdeckungen, kindliches Staunen, das Wunder der Welt und des Lebens in den besten Momenten neu ergründend, sich selbst neu erfinden. Habe ich meine Bestimmung schon gefunden, meine wirkliche, eigentliche Bestimmung? Vielleicht ist es auch nicht das Bassspielen, sicher nicht nur allein das. Muss man immer wissen, was man will? Immer einen Plan haben?
Lockenhaus, Sonne, Freude, Mittelburgenland, ich spiele mein erstes „klassisches“ Konzert seit 16 Jahren, seit meinem Weggang von den Wiener Philharmonikern, unter anderem Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. Anfangs frustriert von der teilweise unnötig komplizierten Notationsweise dieser Musik, bald darauf grosser Spass beim Spielen dieses Stückes. Auch schon davor die persönliche „Wiederentdeckung“ meiner „klassischen“ Wurzeln, auch das ein Teil meiner Wieder-Ganz-Werdung. Später, nachts, wilde Jam Sessions mit Beni Schmid und anderen. Überhaupt, das Jammen wiederentdeckt, ein bisschen den ständigen Perfektionszwang abgelegt, immer wieder auf verschiedene Jams gehend, seit dem Frühjahr vor allem auch oft mit Folk-Musikern, für mich ganz neu, und mit sehr viel Spass. Irgendwo im Alten AKH auf einer Wiese am ersten Mai mit zwei Geigern jammend, in verschiedenen Lokalen auch immer wieder, einmal um Mitternacht irgendwo im Türkenschanzpark. Anfangs unsicher, weil ich weder die Musiker noch die Musik kenne, auch experimentiere ich schnell mit „anderen“ Bassnoten herum und weiss nicht, ob mich vielleicht die Folk-Polizei gleich verhaftet. Bislang bin ich in Freiheit.
Ungezählte Konzerte natürlich. Beglückende Momente, und auch weniger beglückende. Unklar, was ich in Zukunft eigentlich will, auch nachdem ich mit „Double Brein“ kreativ gerade sehr viel gegeben habe, vielleicht brauche ich eine Pause? Ich bin am Suchen, Herausfinden. Und dabei glücklich sein. Ein Buch schreiben? Diese Idee liegt schon lange in der Luft, in meinem Kopf. Eine Sprache finden, aus der Sprachlosigkeit heraus. Vor allem mal niederschreiben, was sich in meinem Kopf an rhythmischen, mathematischen Dingen, an Irrsinn ständig abspielt, ich würde das so gern sicht- und hörbar machen. Alle Diktiergerät-Mitschnitte durchhören, die ich in den letzten 10 Jahren mit Ideen von mir gemacht und niemals angehört habe? Was da wohl alles zu Tage treten würde. Suchen, Weitersuchen, es geht immer weiter, es ist so spannend. Nach langer Krise nun erstmals gefestigt, mehr in Frieden mit mir selbst.
Täglich von grauenhaften Nachrichten überschwemmt, Horror und Abscheu im Kopf und in der Seele und im Herzen. Immer mal auch zurückdenkend an die Idee, die ich vor Jahren hatte, mit „Good News“ eine Plattform zu gründen, in der ausschliesslich positive Nachrichten verbreitet werden, als Gegengewicht zu den „normalen“ Nachrichten, die mithelfen, unsere Welt so krank und bestialisch zu machen. Mal sehen.
Ein kleines Hotelzimmer irgendwo in Ungarn, geteilt mit einer lieben Freundin, Seelenverwandten, das sind die Menschen, die man im Leben braucht. Gespräche, Ideen, schmeefian, streiten, lachen, Herz. Musik.
Strottern. Joachim-Ernst Berendt. Bartok. Irish wedding in Bukarest. Ernährungsumstellung. CD. Angst. Sex. E-Bass, Beatles, Güssing. Musikverein, unfreundlicher Portier. Hotelzimmer, Kraftorte, Sehnsüchte, Träume, Einsamkeit, Erschöpfung. Tiefe Berührung. Stille. Kraft. Jaco. Django. Eric Dolphy. Hendrix. Across the Universe. Lachkrämpfe. Wortspiele. Ewigkeit. Die Teile zusammenführen. Wieder in Verbindung mit altem, vergessen geglaubtem. Plötzliche Ideen. Rebellion. „With my head so full, so full of fractured pictures“, Peter Gabriel. Schrammeln. 15/8 Takt. Liebe. Groove. Wut. Und wieder Liebe. Bücher. Sounds. Und wieder Liebe. Glühend.
Liebe.

See you next year.

 

 

Langsam kommt wieder die Zeit
wo die beleuchtete Strasse am Abend ein Geheimnis hat
dort, wenn ich den Hügel hinunterschaue
in jedem Licht ein altes Lied
in jedem Auto ein Künstler
die Strasse voller Träume,
Möglichkeiten, Wahrheiten
und Zuneigung
und ich wieder staunend davor
wie am Anfang
die Nacht vibriert vor Melodie
mit hellem Herzen durch das Dunkel
weil alles wieder völlig klar ist
und doch ganz verborgen und geheim
und ich will sie sichtbar machen,
die andere Welt
die darunterliegt

2 Comments

  1. brigitte scott sagt:

    Mutig, berührend, so viele Anknüpfungspunkte.
    Chapeau!

    Habe Sie 2014 zum 1. Mal live erlebt, hoffe das geht heuer wieder.

    Liebe Grüße

  2. Etosha sagt:

    Die großen Entwicklungsschübe oder Seelenrempler, die Gleiswechsel, die kommen gern mit einem ordentlichen Tuscher daher, wenn man sie zu lange aufschiebt; wenn man die Energie zurückhält, einsperrt; sich nicht genug Zeit nimmt. Aufprall (auch energetisch!) und zwangsverordnete Pause ergibt neue Perspektive. So erlebe ich das oft.

    Es ist jedenfalls schön zu lesen, was du schreibst und wie du das tust. Mir würde mehr davon durchaus Freude machen! Schade, dass wir uns nicht besser kennen. Ich glaub, wir könnten einander mögen.

Leave a Reply

Georg @ Facebook

Featured Videos

SCHÖNBERG STOMP


HUNNENSHLOMPSKY GOES FOR A WALK


COINCIDANCE


FIRST STRINGS ON MARS


INTERMEZZO (Duo Gansch/Breinschmid)


STRINGS & BASS


THE FLYING SCHNÖRTZENBREKKERS


WIEN BLEIBT KRK –

Brein's Cafe & Thomas Gansch


SKUBEK'S DELIGHT

Benjamin Schmid, Stian Carstensen & Diknu Schneeberger


MUSETTE POUR ELISABETH – Brein's Café live in Mexiko

Upcoming Concerts

März 2019
01. Mrz

Mit Benjamin Schmid (vl), Ariane Haering (p)

Radiokulturhaus
Wien (A)
21. Mrz

The Flying Schnörtzenbrekkers

Benefizkonzert für das Neunerhaus
Neunerhaus
Wien (A)
30. Mrz

Duo Thomas Gansch / Georg Breinschmid

Obermarkersdorf bei Retz (A)